„Danke, Amerika, es reicht jetzt“ ist ein Essay des „Zeit“-Mitherausgebers Florian Illies betitelt. Der Bestsellerautor plädiert für eine Art USA-Liebesentzug – und für Champagner statt Starbucks.
„Zeit“-Herausgeber Florian Illies (53) sieht angesichts von Donald Trumps zweiter Präsidentschaft die Zeit gekommen, dass sich die Europäer von den Amerikanern emanzipieren. „Ja, es ist an der Zeit, dass die halbe Milliarde an Europäern ihr eigenes Selbstbewusstsein wiederentdecken, ihre Stärke, ihre Geschichte – und endlich aufhören, bei Europa nur an die EU-Verordnungen zum Krümmungsgrad von Bananen zu denken.“ Das schreibt der Bestsellerautor („Generation Golf“, „1913: Der Sommer des Jahrhunderts“, „Liebe in Zeiten des Hasses“) in einem „Zeit“-Essay.
Weiter heißt es darin: „Wer Donald Trump, J. D. Vance, Pete Hegseth oder Marco Rubio zuhört, der weiß: Wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde mehr.“ Illies‚ Vorschlag: „Wir sollten der amerikanischen Regierung im Allgemeinen und Donald Trump im Besonderen das entziehen, was sie am dringendsten brauchen: unsere ungeteilte Aufmerksamkeit.“ Kurz gesagt: „Amerikaner, macht bitte, was ihr wollt. Aber wir sind dann mal gedanklich weg.“
Kulturell waren die USA lange überlegen – aber nun sei gut
Jahrzehntelang habe der Westwind aus den Vereinigten Staaten „verlässlich alle Segnungen und Verwerfungen des Kapitalismus“ herübergeweht, schreibt Illies – „jeden neuen Musikstil, jede neue Kunstrichtung, jede neue Studentenbewegung, jede neue Weltdeutung“.
Kulturell und popkulturell seien Amerikas Produkte von liberalen Universitäten, Verlagen, Film- und Plattenstudios „meist die eine Stufe origineller, witziger, tiefsinniger und: besser“ gewesen. „Nun aber, wo sich der Wahnsinn in Washington für vier Jahre häuslich eingerichtet hat, ist endlich der richtige Moment für Europa gekommen, um es wieder selbst mit dem Weltgeist zu versuchen. Das hat in den 2000 Jahren vor Hemingway und dem Big Mac eigentlich auch ganz gut geklappt.“
US-Kultur und -Konsum infiziert „vom Trump’schen Ungeist“
Mit der Regierung Donald Trumps sei nicht nur die amerikanische Politik empörend, auch die Konsumkultur habe ihren Reiz verloren, weil sie wie infiziert wirke „vom Trump’schen Ungeist der Illiberalität“, meint der „Zeit“-Mitherausgeber. „Wer Instagram nutzt, weiß, dass Mark Zuckerberg seinen Kniefall vor Trump gemacht hat, wer bei Amazon kauft, weiß, dass Jeff Bezos den Präsidenten zu seiner Hochzeit eingeladen hat – und jeder Teslafahrer möchte täglich ins Lenkrad beißen, weil aus seinem fahrenden Nachweis von Coolness und Klimabewusstsein urplötzlich ein Unterstützungsfahrzeug für den Kettensägenirrsinn Elon Musks geworden ist.“
Europas eigenes Wertesystem hochhalten
Natürlich sei sein Rundumschlag „genauso maßlos übertrieben wie der willfährige Import von Ideen und Produkten in den sieben Jahrzehnten davor“, betont Illies. „Aber vielleicht ist es doch der richtige Impuls, um damit anzufangen, nun unser eigenes Wertesystem hochzuhalten – und in die USA zu exportieren. Also Humanismus statt Menschenverachtung, Gewaltenteilung statt Willkür, Respekt statt Einschüchterung.“
Süffisant schreibt der 53-Jährige schließlich: „Was also tun, wenn Trump die Einfuhrzölle auf französischen Champagner und Cognac um lockere 200 Prozent erhöhen will? Uns freuen. Denn dann können wir den herrlichen französischen Champagner, von dem bislang etwa 10 Prozent in die USA gingen, endlich ganz alleine trinken und müssen ihn nicht mehr mühsam über den Atlantik schiffen.“ Champagner statt Starbucks und den europäischen Binnenmarkt anheizen, das müsse die Devise sein, meint Illies.